Karl Veitschegger (2023)

 

Jesus – in Betlehem geboren?


 

Die Stadt Davids

Es gilt als historisch gesichert, dass Jesus in Nazaret aufwuchs und in Jerusalem hingerichtet wurde. Bezweifelt wird allerdings öfter, ob er wirklich in Betlehem das Licht der Welt erblickte – in jener Stadt, die als Heimat König Davids gilt. Dieser lebte rund 1000 Jahre vor Jesus. Zur Zeit Jesu war man im Judentum der Überzeugung, der sehnlich erwartete Messias würde ein Nachkomme Davids sein. Man berief sich dabei auf ein Wort des Propheten Micha:

 

„Du, Betlehem-Efrata, bist zwar klein unter den Sippen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Seine Ursprünge liegen in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen.“ (Micha 5,1)

 

Rekonstruktion?

Viele Theologinnen und Theologen meinen nun, dieses Prophetenwort habe unter den Jesus-Gläubigen der ersten Zeit zur Schlussfolgerung geführt: Wenn Jesus der Messias ist, woran sie nicht zweifelten, „muss“ er auch in Betlehem geboren worden sein. Lukas und Matthäus hätten diese Überlieferung aufgegriffen und in ihren Erzählungen über die Kindheit Jesu verarbeitet.

 

„Sohn Davids“

Manches spricht dafür, dass die Familie Jesu der Überzeugung war, von König David abzustammen. Paulus, der den „Herrenbruder“ Jakobus persönlich kannte und mit ihm über den Messias gesprochen hatte (vgl. Gal 1,19 u. 2,9), bezeichnete Jesus als den, „der dem Fleisch nach [= seinem Menschsein nach] geboren ist als Nachkomme Davids“ (Röm 1,3). Auch die Evangelien bezeugen das mehrfach. So rufen Kranke: „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit uns!“ (Mk 10,46-52; Lk 17,13)

 

Ursprungsort der Davididen

Da zumindest die Vorfahren Jesu aus Betlehem kommen, kann man sagen, auch er „stamme“ aus Betlehem, selbst wenn er wo anders geboren worden sein sollte. Betlehem wäre dann gleichsam sein „theologischer“ Geburtsort. Auch die Bedeutung des Ortsnamens Betlehem – „Haus des Brotes“ – passt wunderbar zu einem Christuswort im Johannesevangelium (6,51): „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabkommt."

 

Streit um Herkunft Jesu

Dass Jesu Herkunft und Geburtsort unter seinen Zeitgenossen nicht unstrittig waren, zeigt eine andere Stelle aus dem Johannesevangelium (7,40-43): „Einige aus dem Volk sagten: Er ist wahrhaftig der Prophet. Andere sagten: Er ist der Messias. Wieder andere sagten: Kommt denn der Messias aus Galiläa? Sagt nicht die Schrift: Der Messias kommt aus dem Geschlecht Davids und aus dem Dorf Betlehem, wo David lebte? So entstand seinetwegen eine Spaltung in der Menge.“

 

Ein anderes Betlehem?

Es gibt übrigens noch ein zweites Betlehem, gar nicht weit von Nazaret entfernt. Ist vielleicht dieses ursprünglich gemeint? Hat die unehelich schwanger gewordene Maria dort ihr Kind entbunden, um blödem Gerede zu entgehen? Wir wissen es nicht. Auch das sind bloß Gedankenspiele.

 

Geburtsgrotte

Vielleicht war alles so, wie Lukas und Matthäus berichten. Die Erzählungen beider unterscheiden sich zwar stark voneinander, aber beide geben Betlehem in Judäa als Geburtsort Jesu an. Und eine sehr alte, schon frühchristliche Tradition verweist auf eine Höhle, in der die Geburt Jesu geschehen sein soll. Heute steht darüber die eindrucksvolle Geburtskirche, eine unter Kaiser Konstantin im vierten Jahrhundert erbaute Basilika, die von Pilgern und Pilgerinnen aus aller Welt aufgesucht wird.

 

Betlehem ist eine Botschaft

Ist das heutige Betlehem der geographische oder „nur“ der theologische Geburtsort Jesu? Ist das so wichtig? — Mir nicht. Sicher ist Betlehem jener Ort, der uns seit fast 2000 Jahren verkündet: Jesus ist geboren! In seiner Geburt hat Gott uns Wunderbares geschenkt. Deshalb singe ich unbefangen und gerne: „Zu Betlehem geboren ist uns ein Kindelein ...“

 

Karl Veitschegger

 

Justin der Märtyrer (ca. 100-165):

„Damals aber, als der Knabe in Bethlehem geboren wurde, nahm Joseph, da er in jenem Dorfe nirgends Unterkunft finden konnte, in einer Höhle in der Nähe des Dorfes Quartier.“

(Dialog mit dem Juden Trypho, 78)

 

 

Eusebius (ca.260-239) zitiert Hegesippus (ca.130-180), der über Nachfahren Davids in der Verwandtschaft Jesu zur Zeit Kaiser Domitians (51-96) schrieb:

„Noch lebten aus der Verwandtschaft des Herrn die Enkel des Judas, der ein leiblicher Bruder des Herrn gewesen sein soll. Diese wurden als Nachkommen Davids gerichtlich angezeigt.  Ein Evokatus führte sie vor Kaiser Domitian. […] Domitian fragte jene, ob sie von David abstammen. Sie bestätigten es. Sodann fragte er sie nach dem Umfange ihrer Besitzungen und nach der Größe ihres Vermögens. Sie antworteten, sie besäßen beide zusammen nur 9000 Denare, und davon gehöre jedem die Hälfte. Aber auch dieses Vermögen bestünde — so fügten sie bei — nicht in Geld, sondern im Wert eines Feldes von nur 39 Morgen, die sie mit eigener Hand bewirtschafteten, um davon die Steuern zu zahlen und ihren Lebensbedarf zu decken. Hierauf zeigten sie ihm ihre Hände und bewiesen durch die Härte ihrer Haut und durch die Schwielen, welche sie infolge ihrer angestrengten Arbeit an ihren Händen trugen, dass sie Handarbeiter waren. Als man sie über Christus und über die Art, den Ort und die Zeit seines Reiches fragte, antworteten sie, dasselbe sei nicht von dieser Welt und dieser Erde […]. Daraufhin verurteilte sie Domitian nicht, sondern verachtete sie als gemeine Leute. Er setzte sie in Freiheit und befahl, die Verfolgung der Kirche einzustellen. Sie aber erhielten nach der Freilassung, da sie Bekenner und Verwandte des Herrn waren, führende Stellungen in der Kirche. Nachdem Frieden geworden war, lebten sie noch bis Trajan.“

(Eusebius, Kirchengeschichte 3,20)

 

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